Grenzen austesten

Bettys Hunde ABC

Artgerechtes, Bedürfnisorientiertes Coaching

Welpen und Junghunde testen ihre Grenzen aus

Diesen Satz liest man immer mal wieder. Oft wird mit dieser Aussage noch das (körperliche) Maßregeln eines Welpen begründet und gerechtfertigt.

 

Ich stolperte über einen Text, in dem aufgezeigt wurde, wie man einem Welpen eine Grenze aufzeigt. Da Welpen Grenzen austesten, müsse man dies sofort korrigieren. Wenn der Welpe auf das Sofa springen möchte, stubbst man ihn sofort mit den Fingern in den Hals- und Nackenbereich und zwickt dabei ein wenig (Nackenbiss). Der Welpe würde das auf der Stelle verstehen und die Grenze akzeptieren. Dieses Vorgehen wurde natürlich damit begründet, daß Welpen und Junghunde ihre Grenzen austesten, um möglichst viele Vorteile zu erlangen (der Mythos mit der Weltherrschaft?).

 

Ich war ehrlich gesagt ein wenig fassungslos.

 

Was bedeutet eigentlich "Grenzen austesten"...?

 

Um eine Grenze auszutesten, muß ich diese Grenze erstmal kennen und auch als solche wahrnehmen. Man kennt das ja von den Teenagern, die sich bewußt über Verbote hinwegsetzen. Sie wollen sich dadurch abgrenzen und zeigen, daß sie einen eigenen Willen haben. Sie wollen natürlich auch testen, wie weit sie gehen können und provozieren die Eltern (die in dem Alter meist "eh keine Ahnung haben" und grundsätzlich "super peinlich sind"). Oft sind diese Grenzüberschreitungen bei Jugendlichen aber auch Hilferufe nach mehr Aufmerksamkeit und Anerkennung. Aber das nur mal am Rande erwähnt.

 

Man geht nun also davon aus, daß der Welpe, der mit vielleicht 10 Wochen bei uns einzieht, die Grenze (nicht auf's Sofa) bereits kennt und bewußt und aktiv testet, was passiert, wenn er trotzdem versucht, hinauf zu springen. Ernsthaft...?

 

Wenn es dann noch im selben Atemzug heißt, man solle Hunde nicht vermenschlichen, wird es richtig absurd. Eine Grenze aktiv und bewußt zu überschreiten, um einen Sozialpartner zu provozieren, setzt Vorsatz voraus und in gewissem Maße die Fähigkeit, die Konsequenz des eigenen Handelns zu überblicken. Jeder wird mir zustimmen, wenn ich sage, daß unsere Hunde diese (menschliche) Fähigkeit nicht besitzen. Mir fällt an der Stelle Salem Saberhagen aus der Serie "Sabrina, total verhext" ein. Salem wurde vom Zentralrat der Hexen dazu verdammt, sein Leben als Kater zu frißten, weil er versucht hat, die Weltherrschaft an sich zu reißen.

 

Mal davon abgesehen, daß man einem Hund durchaus Grenzen setzen sollte, so ist das beschriebene Vorgehen (Nackenbiss simulieren und runterschubbsen) nicht sehr vertrauensbildend. Für den Welpen macht es die Menschen unberechenbar und gefährlich. Grenzen kann man auch auf liebevolle und positive Weise setzen. Man sollte aber niemals glauben, ein Welpe oder Junghund teste diese in vollem Bewußtsein aus, um uns zu provozieren. DAS wäre Vermenschlichung.

 

Ich kann als Mensch auch einfach davon ausgehen, daß mein Hund diese gesetzte Grenze noch nicht 110%ig akzeptiert und verinnerlicht hat und ICH AN MIR arbeiten muß, damit sich das verfestigt. Und einen Gedanken kann ich bei dem Satz nicht ganz verdrängen: Wenn Welpen und Junghunde Grenzen austesten, warum tun das erwachsene Hunde nicht? Gerade der erwachsene Hund wäre doch soweit gereift und gefestigt, daß er entsprechend weniger Probleme damit hätte, sich durch Grenzen testen Vorteile zu verschaffen. Bis zum Junghunde-Alter rechtfertigt man es mit "Grenzen testen". Wenn der erwachsene Hund nicht "funktioniert", was ist es dann?